Exhibitions

Willie Doherty

August 22 - October 13, 1992

 Willie Doherty lebt seit seiner Geburt, 1959, in einer Umgebung mit zwei Namen, zwei Orten

und zwei Gedankenwelten: in Derry/Londonderry, Nordirland. “Hier ist nichts so, wie es zu

sein scheint”, charakterisiert er seine Heimatstadt. Jener Ort, an dem er wohnt und arbeitet,

ist “zugleich das Terrain, auf dem der noch unentschiedene Kampf um die britische

Kolonialpolitik in Irland ausgetragen wird”. In Nordirland befindet man sich nicht einfach

innerhalb oder ausserhalb der Stadtmauer oder auf dem Ost- oder Westufer des Flusses

Foyle, sondern man ist stets an einem strategischen Punkt, man ist unmittelbar verwickelt in

eine durch den Lauf der Geschichte noch nicht geklärte Situation.

Der Nordirland-Konflikt, die Angst, Entfremdung, Verwirrung, aber auch die Hoffnung stehen

konsequenterweise im Zentrum der Arbeit von Willie Doherty. “Mute” (Stumm) heisst ein

Werk, das eine Sackgasse zeigt, eine ehemalige Verbindungsstrasse von einem katholischen

in ein protestantisches Wohnquartier, abgetrennt durch einen Stacheldraht, der

Kommunikation verunmöglicht. “Remote Control” (Entfernte Kontrolle/Fernbedienung) zeigt

eine verbarrikadierte Polizei-Station (RUC-Station) im katholischen Viertel Rosemount. Eine

weitere Arbeit mit dem Titel “God Has Not Failed Us” (Gott hat uns nicht verlassen) zeigt ein

Haus mit vergitterten Fenstern. Es steht im protestantischen Viertel The Fountain, in einer

weitgehend katholischen Nachbarschaft, nahe der umkämpften Altstadt von Derry.

Alle drei Arbeiten sind in schwarz/weiss, messen je 122 x 183 cm und wurden 1990/92

geschaffen. Die Titel sind in grossen, weissen Lettern auf die Fotografien geschrieben. Die

“Village Voice” zu Dohertys Arbeiten: “Sie sind von einer brutalen Schönheit und von einer

stählernen Spannkraft in ihrem Kern.”

Zum ersten Mal zeigt die Peter Kilchmann Galerie auch Portrait-Arbeiten von Willie Doherty.

Es sind dies drei Diptychen. Die Bilder zeigen Menschen - ein Ehepaar, zwei Brüder, Mutter

und Sohn. Alle waren sie Unbekannte, bis ihre Fotos in den Zeitungen erschienen; sie waren

Opfer von politischen Gewaltverbrechen, umgebracht von fanatischen Republikanern oder

Loyalisten, erschossen vom Militär oder von der Polizei, beseitigt aus Rache oder im Auftrag

einer politischen Gruppierung. Die sechs Fotos sind in Zeitungen der Republik Irland

erschienen. Die Opfer wurden entweder als “völlig unschuldig” beschrieben oder als “in

Verbindungen mit paramilitärischen Vereinigungen stehend”. “Aber in einer Gesellschaft”, so

Doherty, “die derart beladen ist mit religiöser und sozialer Identifikation, wird die Frage von

Schuld oder Unschuld ohnehin verzerrt”. Zudem gibt es einen kriminalisierenden Effekt durch

die Ähnlichkeit der Abbildungen mit den Fotos von Verbrechen. Man vermutet eine Schuld der

Opfer allein durch die Publikation, nicht zuletzt die Schuld, “der anderen Religion

anzugehören, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein”.

Die drei Diptychen - “Couple”, “Brothers” und “Mother And Son” - messen je 104 x 152 cm

und sind ebenfalls schwarz/weiss.

Zahlreiche Einzelausstellungen seit 1980, in jüngster Zeit: 1992 Tom Cugliani Gallery, New

York; 1991 Galerie Giovanna Minelli, Paris; Unknown Depths, I.C.A, London; Kunstverein

Schwetzingen, Schwetzingen/Deutschland. Daneben Gruppenausstellungen seit 1981.