Exhibitions

Claudia & Julia Müller

Wir Wissen Nichts und Müssten Alles Sein

October 26 - December 22, 2001

wir freuen uns, Sie/Euch herzlich zu Vernissage und Ausstellung von Claudia & Julia Müller

einzuladen. Es ist dies die dritte Einzelausstellung der in Basel lebenden Schwestern Claudia

(*1964) und Julia (*1965) in der Galerie Peter Kilchmann.

Bis 1932 zeigte der Basler Zoo laut eigenem Bekunden “Tier- und Völkerschauen”, die

sich bei der Bevölkerung “grosser Beliebtheit” erfreuten. “Man errichtete beispielsweise eine

Raubtierarena oder ganze Dörfer, in denen Nubier, Marokkaner oder Singhalesen für Wochen

wohnten und ihre Kriegs- und Maskentänze oder Schlangenbeschwörungen vorführten.”

Das war keine Basler Spezialität. Von Berlin bis Bergen, von Kopenhagen bis Zürich wurden

“aussterbende Langlippennegerinnen”, zwölfjährige Somali-Jungen, Samoanerinnen und

Senegalesen, bevorzugt entblösst, in Zoos oder auf Jahrmärkten vorgeführt. Da durfte eine

“Hottentot Venus” betastet werden, “Medizinmänner” führten Tänze auf, eine “Eskimo”-

Gruppe paddelte mit Frauen und Kindern in einem Wasserbecken. Das Publikum wurde sogar

zu Geburten unter freiem Himmel zugelassen. Manche starben früh. Die “Hottentot Venus”

wurde gerade 26 Jahre alt. Ihre Scham wurde nach ihrem Tod einer medizinhistorischen

Sammlung zugeteilt.

Die traurigen Trophäen wurden “in völlig geschlossenen Viehwagen” nach Europa

transportiert, etwa auch jene Singhalesen, die 1885 hierher geschafft und selben Jahres im

Basler Zoo Seite an Seite mit Tieren hinter Gittern gehalten wurden. Der forcierte

Exhibitionismus bzw. der Voyeurismus der Basler “Völkerschau” von 1926 ist

Ausgangspunkt für die Wandmalerei der Geschwister Müller. Die Wandmalerei ist zentrales

Thema der Ausstellung, sie ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Reizthemen wie

Kolonialismus und Begehren, Moral und schamlose Ausbeutung, Künstlichkeit und Natur,

Herrschaft und Unterjochung, Wünsche und Frustration.

Im kleineren Raum der Galerie nehmen die beiden Künstlerinnen archetypische

Verhaltensmuster auf. Dargestellt am Kasperli oder Chaschperli. Acht Kasperli-Figuren, die

je für ein Thema stehen (Kasperli, Seppli, König, Monster, Teufel, Prinzessin, Polizist und

Grossmutter) spielen in drei Videosequenzen stellvertretend – und stumm – Formen des

menschlichen Umgangs. Der Titel der Ausstellung – nichts zu wissen und alles sein zu

müssen – ist ein Zitat von Karl Marx.

Im grösseren Raum der Galerie zeigen die beiden Künstlerinnen zudem einen Block neuer

Zeichnungen und Collagen.

Claudia & Julia Müller waren im laufenden Jahr mit Arbeiten in der Kunsthalle Basel, im

Landesmuseum Joanneum Graz, an der Biennale in Tirana, im Kunsthaus Aarau sowie in der

Galerie Gorney Bravin + Lee in New York City vertreten.