Exhibitions

Valérie Favre

Make-up

February 25 - April 1, 2017

Die Galerie Peter Kilchmann freut sich, neue Malereien der Künstlerin Valérie Favre zu präsentieren. Valérie Favre

wurde 1959 in Evilard bei Biel geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin. “Make-up” ist die zweite Einzelausstellung der

Künstlerin in der Galerie Peter Kilchmann.

"Valérie Favre bastelt sich aus Pappe ein kubistisches Kostüm und lässt sich fotografieren. Ausgehend von dieser

Fotografie malt sie einen Zyklus von acht Selbstportraits. Es ist das erste Mal, dass die Künstlerin dezidiert das

Selbstportrait zum Thema ihrer Bilder macht. Dazu inspiriert hat sie wiederum eine berühmte Fotografie, die im Juni

1916 im Cabaret Voltaire in Zürich aufgenommen wurde: Hugo Ball, der vor Notenständern stehend, in einem selbst

gefertigten, magischen Bischofskostüm seine Lautgedichte vorträgt, die sich mit lustvollem Ernst von jedem Wortsinn

lossagen. Das Cabaret Voltaire ist der Geburtsort von DADA, jener künstlerischen Bewegung, die die ökonomistischrationale

Geisteshaltung zersprengen wollte, aus der der Erste Weltkrieg erwachsen war. Valérie Favre wählt für Ihre

Serie die Masse von Marcel Duchamps berühmten Nu descendant un escalier n°2  mit 146 x 89 cm und bringt damit

eine weiteren gewichtigen Paten des frühen 20. Jahrhunderts ins Spiel. Die Künstlerin spreizt in diesen Selbstportraits

aus ihrer rechten Hand mehrere Pinsel, die sie im Unterschied zum magischen Bischof Hugo Ball eindeutig als Malerin

charakterisieren. Lässt man seinen Blick über die Variationen der Portraits schweifen, fällt auf, dass einem aus jedem

Bild zwar die gleiche Gestalt, aber nicht das gleiche Wesen entgegenblickt: Mal ist der Hell-Dunkel-Kontrast stark

ausgeprägt und lässt ein kantiges, androgynes Gesicht mit stechenden Augen hervortreten, mal bewirken der Auftrag

der Farbmaterie und die fein gesetzten Kontraste sowie die Dramaturgie des Lichts, dass das Gesicht weicher,

schemenhafter oder zerbrechlicher erscheint. Die Fotografie darf für sich in Anspruch nehmen, die optische

Wirklichkeit exakt abzubilden. In dieser Portraitserie scheint die physiognomische Ähnlichkeit mit dem Original

allerdings keine vordergründige Rolle zu spielen. Valérie Favre geht es um etwas anderes – um eine elementare

Frage: Was kann die Malerei, was kein anderes Medium oder keine andere künstlerische Technik sichtbar zu machen

vermag? Worin liegt ihr Besonderes, das sich im Lauf der Jahrtausende alten Kunstgeschichte immer wieder Bahn

bricht und welche Rolle spielt dabei das künstlerische Subjekt selbst?

Waren es vor kurzem noch Goya oder Rembrandt, die die Malerin in ihren Bildfindungen befragte, kreuzen nun die

Protagonisten von DADA und Surrealismus ihren Weg. Es sind männliche Gefährten aus dem vergangenen

Jahrhundert, in deren Rollen sie schlüpft oder mit deren Bildfindungen sie spielt. Valérie Favre begegnet Ihnen auf

Augenhöhe. Die Bedeutung des Geschlechts mischt sich unter die unzähligen Parameter, die die menschliche

Identität ausmachen. Die Künstlerin nimmt in Giorgio de Chiricos Gemälde Le Vaticinateur  von 1915 Platz. An die

Stelle der armlosen Gliederpuppe setzt die Malerin ein seinerseits armloses Wesen, dessen Gesicht zur Hälfte die

Züge eines bärtigen Mannes trägt. Der Oberkörper läuft fleischig aus. De Chiricos Schiffsboden klappt wie ein

Gartenzaun nach oben. Er begrenzt die Tiefe des Raumes und auch das schwarzgrundige Bild im Bild, das bei Valérie

Favre von pastelligen Farbnebeln umwölkt wird. Die Künstlerin als metaphysischer Halbmann mit grüner Haut und

schwarzer Brust. Eine abwartende und gleichzeitig weissagende Pose, die in den kraftvollen Zügen des Pinsels zu

verfliegen scheint. Auch bei den beiden Bildern L‘Amour Fou  steht de Chirico Pate. Die formale Konstellation geht von

de Chiricos Hektor und Andromache  von 1912 aus: Zwei Gliederpuppen, einander zugeneigt, die sich aufgrund ihrer

zerstückelten Gliedmassen nicht umarmen können. Der Titel wiederum bezieht sich auf André Bretons Roman von

1937, in dem er die Widersprüche der innigsten Liebeserfahrungen ins Recht setzt. Auch bei der Malerin werden zwei

Kopfovale sichtbar, die sich einander zuneigen. Eine Apparatur aus Formen und Farbflächen entsteht, die sich

mechanisch selbst zu umgreifen trachtet. Das Grau dringt von aussen in die Formen hinein. Die motivische Anleihe

bei de Chirico und das unlösbare Thema der absoluten Liebe schwingen wie Ahnungen im Raum. Malerei und Motiv

verschmelzen.

Die dritte Aneignung, die Valérie Favre in der Ausstellung zeigt, zielt auf die geflügelten Wesen des Symbolisten

Odilon Redon. Auch das kleine Selbstporträt als Engelmann entspricht mit seinen 24 x 30 cm dem Originalformat von

Redons L’Homme ailé von 1840. Schwarz gekleidet und mit anliegenden Flügeln tritt die Künstlerin aus einer blauen

Farbwolke von rechts in den Himmel. Es ist nicht gewiss, dass diese Flügel zum Fliegen taugen, zumal um die

Schultern Riemen sichtbar werden, wie man sie von Theaterrequisiten kennt. Suchend blickt der Engel mit bärtigem

Profil nach vorne, dabei den Himmel vorsichtig abtastend, als befände er sich auf unbekanntem Terrain. Auch die

Vorstellung eines gefallenen Engels, der sich der himmlischen Ordnung widersetzt hat, kommt einem deshalb in den

Sinn. Was hat die Malerei mit Valérie Favres Identität als Mensch zu tun und welches Licht werfen diese

Selbstportraits auf ihre Rolle als Künstlerin in der Gesellschaft? Es ist der gleiche lustvolle Ernst, mit dem Hugo Ball

seine Lautgedichte im magischen Bischofskostüm vortrug, der Valérie Favre zu der Selbstbefragung anhält, die

zugleich an der Existenzfrage der Malerei rührt." Katrin Dillkofer.

Valerie Favre wurde 1959 in Evilard, Schweiz geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin. In 2016 hatte Favre

Einzelausstellungen im Musée d'art moderne et contemporain in Strassburg, Frankreich, im Franz Gertsch Museum,

Burgdorf, Schweiz und im Von der Heydt Museum in Wuppertal, Deutschland. Zu den Ausstellungen in Strassburg und

Wuppertal sind jeweils Kataloge erschienen. Im Herbst dieses Jahres ist eine Einzelausstellung im Musée d'Art et

d'histoire in Neuchâtel, Schweiz geplant. Zu ihrer weiteren Einzelausstellung zählen das Kunstmuseum Luzern und

das Carré d’Art – Musée d’Art Contemporain de Nimes, Frankreich, beide in 2009 und zu denen auch ein Katalog

erschienen ist. Ausserdem war sie an Ausstellungen im Zentrum Paul Klee, Bern, Schweiz (2015), Museum

Oldenburg, Deutschland (2015), Musée des Beaux-Arts, Neuchâtel, Schweiz (2015), Tel Aviv Museum of Art, Tel Aviv

(2012) und im K21, Düsseldorf (2010) u.a. beteiligt. 2012 wurde Valérie Favre für den renommierten Prix Marcel

Duchamp in Frankreich nominiert. Seit 2006 ist sie Professorin für Malerei an der Universität der Künste in Berlin.